Toki o amu (Zeitenweben)
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Ausstellungen

Foto © diálogo/Schult Auf dem Boden der Arbeitsräume liegen, auf schwarzes und weißes Papier verteilt, Duzende von weiblichen Brüsten; in der Ecke stehen sechs riesige Männerfüße und dazugehörige Rücken, außerdem sind da noch sechs überdimensionale Ohren – alle aus handgeschöspftem Japanpapier geformt: Die japanische Künstlerin Suikô Shimon bereitet "Toki o amu (Zeitenweben)" vor, ihre Ausstellung in der Ruine des Hörsaals von Rudolf Virchow an der Berliner Charité. Toki o amu
Foto © diálogo/Schult

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Suikô Shimon plant für diesen geschichtsträchtigen Ort eine raumgreifende Installation, die ganz leicht wirken soll und voll von verborgenen Bedeutungen steckt. Sie bezieht sich in ihren Arbeiten auf das Blumengirlanden- oder Goldlicht-Sutra. Der Weisheit und Poesie des Zen-Buddhismus folgen mittlerweile viele Europäer. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, daß in der postindustriellen Gesellschaft und deren Globalisierung das einzelne Schicksal verlorengeht. Die allumfassende Harmonie von ineinandergreifenden Kausalitäten und die Möglichkeit, sich auf sich selbst zu konzentrieren, während man ganz gewöhnlichen Alltagsbeschäftigungen nachgeht, üben eine ungeheuere Anziehung auf den am eigenen Ich zweifelnden Menschen aus. Hier treffen sich traditionelle asiatische Kultur und moderne westliche Bedürfnisse.
Foto © diálogo/Schult

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"Toki o amu (Zeitenweben)" setzt sich mit dem Schicksal auseinander. Die feinen Papierskulpturen entwickeln in ihrer Addition und Komposition einen meditativen Raum, der den Betrachter in sich kehren läßt und buddhistische Philosophie mit den aktuellen Aussagen der Künstlerin verknüpft. Suikô Shimons Hoffnung, mit ihrer Kunst Mensch und Natur wieder zusammenzufügen, führt über einen Jahrzehnte dauernden Weg im Dialog mit traditionellen japanischen Kunstformen hinaus zu einer Haltung, die westliche, moderne Formen zunehmend integriert. Als Shogonsai hat sie eine langjährige Ausbildung in Japan genossen; an der Kunsthochschule in Kioto wurde ihr dafür der Meistertitel verliehen. Seit 1990 unterrichtet sie an der Humboldt-Universität Berlin Kalligrafie und Schriftgeschichte und hat selbst eine ungewöhnliche Technik innerhalb dieser alten Schriftkunst ausgebildet. Sie arbeitet mit mehreren Pinseln gleichzeitig und setzt für ihre abstrakten Tuschemalereien (Bokuchu) zusätzlich Farben ein. Aber nichts entsteht unkontrolliert, selbst zufällige Elemente sind gesteuert und erfrischen durch ihren expressiven Gestus die dahinterliegenden Bedeutungsmuster. Auch in ihren neuesten Skulpturen, die die Zeit verweben, verwendet sie kalligrafische Zeichen und Farben. Auf den Innenseiten der Objektflächen hat sie verschiedene Kurzgedichte (Haiku) und Zitate aus der Sutra versteckt – lesbar eigentlich nur für Kenner und Liebhaber der Kunst von Suikô Shimon. Der Text wird zum Raum, der auf eine ironische und beinahe heitere Weise berührt.

Dr. Ute Tischler

Logo Kunst Charité Die Papierinstallation "Toki o amu (Zeitenweben)", offizielle Veranstaltung von "Japan in Deutschland" (1999 bis September 2000), wurde im Rahmen des Ausstellungsprojekts "Vier Jahreszeiten" von Kunst Charité vom 7. Oktober bis 3. Dezember 1999 realisiert.

Ausstellungsdaten
Japan in Deutschland 1999 - 2000
© diálogo, Berlin, Autoren und Fotografen nach obenZur Person