Ein Tag in Berlin 1938 (Saga 2)
Vita

Foto © Räse In der Installation und Performance "Ein Tag in Berlin 1938 (Saga 2)" begegnen sich zwei fiktive Personen: Der Japaner Tsuneo Ueda und der Deutsche Hans Kramer. Ueda studierte in Japan Medizin und setzt seine Studien als Stipendiat in Berlin fort. Er konzentriert sich ganz auf sein akademisches Fortkommen, alles andere ist ihm relativ gleichgültig. Als typischer Vertreter der japanischen Elite verachtet er zudem seine Landsleute älterer Generation, die die westliche Kultur nie verstanden haben. Kramer stammt aus einer böhmischen Pastorenfamilie und hegt eine starke Antipathie gegen die Weltanschauung seines Vaters. Er immatrikuliert sich 1936 in der Humboldt-Universität mit dem Ziel, Arzt zu werden, und tritt der nationalsozialistischen Studentenorganisation bei. Zwei Jahre später begegnen sich beide Studenten erstmals in der Progromnacht vom 9. November …
Foto © Räse Als ungewöhnliches Experiment wurde für Studierende der Medizinischen Fakultät Charité der historische Robert-Koch-Hörsaal in Berlin-Mitte zum Raum der Erinnerung (21. Oktober bis 4. November 1998). Während regulärer Vorlesungen thematisierte der japanische Künstler Tetsuro Ryuzaki die Ereignisse der Pogramnacht vor 60 Jahren, Aspekte deutsch-japanischer Geschichte und gesellschaftlicher Verantwortung.
Foto © Räse Tetsuro Ryuzaki, 1960 in Tokio geboren, studierte ab 1979 an der École des Beaux Arts sowie an der Academie de la Grande Chaumière in Paris und nahm in dieser Zeit bereits an einer Reihe von Ausstellungen, unter anderem im Grand Palais und dem Centre Audio-Visuel, teil; 1986 kehrt er nach Japan zurück, ab 1989 präsentieren die Galerien Muramatsu und Yamaguchi in Tokio seine Arbeiten in mehreren Einzelausstellungen (Vita).
Foto © Räse Die erste Installation "Asia in Water – Room of Mute" (Wakeijuku Foundation, Tokio) thematisiert 1994 den Tod seines Vaters, ein Freund des nationalistisch-kaisertreuen Schriftstellers Yukio Mishima, den Ryuzaki gleichsam als Chiffre für die Brüche in der Zeit der "erleuchteten Regierung" (Meiji) und der Kultur Japans zitiert.
Foto © Räse Figuren aus Mishimas Theaterstück "Hanjo" begegneten denn auch in der Installation "The Family (Saga 1)", einer fiktiven Familienchronik, die Ryuzaki, zusammen mit Yuko Sugiyama, 1995 im Elternhaus des früheren japanischen Ex-Premiers Hosokawa inszeniert, einem Gebäude, das mit europäischen Stilelementen in den 1930er Jahren inmitten eines großen japanischen Gartens in Tokio errichtet wurde. Hier tauchten die Besucher in die Vergangenheit ein, aufgefordert die Augen um der Gegenwart und Zukunft willen zu öffnen: beispielsweise im ehemaligen Eßzimmer, einem mit zerbrochenem europäischem Porzellan übersäten Raum – Ort von Vertrautheit, Planung, vielleicht Verrat.
Elemente dieser Tokioter Installation fanden sich erneut in der Berliner Arbeit. Ryuzaki bezieht Position, es geht ihm aber nicht um Schuldzuweisungen. Zu nah auch ist seine reale Familiengeschichte mit den evozierten Ereignissen verbunden. Vorbild für die Figur des "Tsuneo Ueda" ist der eigene Großvater: nach seiner Ausbildung im Westen erster Psychiater in Japan Angehöriger eben jener "indifferenten" japanischen Elite – und in der Progromnacht des 9. November 1938 Student an der Charité in Berlin.
Tetsuro Ryuzaki benennt nicht nur die Zerrissenheit Japans zwischen traditionellen Werten und westlich orientierter Konsumgesellschaft, die Gefahr von (religiösem) Fanatismus sowie die durch Erfolgs- und Konsumdenken zunehmende politische Gleichgültigkeit. Zugleich schlägt er den Bogen hinein in die Deutsche Geschichte und Gegenwart, ermunterte mit dieser Arbeit zur persönlichen Begegnung, der phantasievollen Annäherung an die Personen der "Saga 2", zum kreativen Spiel mit Fiktion und Realität.
Fotos: Thomas Räse Stefan M. Schult
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