Kosmos

Galerie Inga Kondeyne, Berlin (1999)

   
Kosmos; Galerie Inga Kondeyne, Berlin (1999) Unterschiedlich große Glasscherben bedecken die Wände. Jedes Glas birgt in sich das größtmögliche, schwarze quadratische Feld aus Kohlenstaub. Der Berliner Künstler Bernhard Garbert (*1957) hat achtunddreißig solcher Elemente auf die Wände der Galerie Inga Kondeyne appliziert.

Für seine Installation "Kosmos" verwendete er gefundenes Bruchglas, den schwarzen Kohlenstaub trug er mittels eines Binders auf Vorder- und Rückseite der Scherben auf. Der Eindruck, der sich einstellt, ist vielleicht gerade wegen der relativ simplen Herstellungsweise der einzelnen Elemente oder Objekte beeindruckend: Es ist ein geordnetes und dennoch lebendiges all-over entstanden, und eine Wandoberfläche, die aufgrund der verschieden großen, und deshalb "springenden" Quadrate auch so etwas wie eine Tiefendimension angenommen hat. Die Ordnung des Garbert'schen "Kosmos" entsteht aufgrund eines strengen Notierungssystems, das die Wand in rombenförmige Rechtecke aufteilt und so jedem Quadrat einen genauen Ort zuschreibt. Betrachtet man die Anordnung der Quadrate, so stellt man fest, daß dieser Notierungsrhythmus den Abstand zwischen den Vierecken als gleich großen bestimmt. Anders als bei den präzis errechneten Hängepunkten der schwarzen Quadrate gibt es für die unregelmäßigen Glasstücke keine exakten Vorgaben. Die Scherben scheinen aufgrund ihrer zufälligen Bruchkanten zu "spielen" und sich chaotisch an den Wänden zu verteilen. Bernhard Garbert verbindet in seiner Installation "Kosmos" sehr gegensätzliche Prinzipien und Materialien: Ordnung und exakter Rhythmus treffen auf Unregelmäßiges und Chaotisches, transparentes Glas auf opaken Staub, glatte auf körnige Oberflächen.

Die Farbe Schwarz und auch das Quadrat gehören schon lange zu Garberts Repertoire. Unwillkürlich bezieht er sich damit auf Kasimir Malewitschs "Schwarzes Quadrat", verwendet es aber weniger als kunsthistorische Voraussetzung, sondern als eine Art Label mit Signalwirkung. In Garberts Arbeiten funktioniert die schwarze Fläche nur noch als Signifikant, wird zum architektonischen Mittel, beeinflußt und verändert Flächen und Räume, ohne den quasi-religiösen Anspruch, den das "Schwarze Quadrat" als Ikone der Moderne besaß. Auch ist bei ihm Schwarz meist weniger Farbe denn Material: immer wieder hat der Künstler Kohlenstaub oder schwarzes Gummiband verwendet, also Materialien, deren stoffliche Eigenschaften noch präsenter sind als ihre farblichen. Letztlich arbeitet Garbert mit schwarzer Farbe und quadratischer Form gegen Festlegungen und Formalisierungen, die mit der konstruktivistischen Kunsttheorie einhergingen, und erschafft mit seinen Arbeiten so neue Verbindungslinien und Brücken zwischen Kunst und Architektur, Installation, Raum und Plastik.

Dr. Peter Funken

   
   
   
   
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