Wortstücke

Robert-Koch-Hörsaal der Charité, Berlin, 17.6. – 20.10.2000

 
Bernhard Garbert: Wortstücke, Charité, Berlin 2000  © Foto: Räse
 
 

Für den Robert-Koch-Hörsaal des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene der Charité konzipierte Bernhard Garbert eine Installation mit Kombinationen von "Dreibuchstabenwörtern" aus lichtempfindlichen Kartonbuchstaben. Die Arbeit nahm die wechselnde Beleuchtungssituation als eine Bedingung ihres Funktionierens und operierte mit dem Raum als einem ausgewiesenen universitären Vermittlungsort.

 

Bernhard Garbert: Wortstücke, Charité, Berlin 2000  © Foto: Räse

 

Bernhard Garbert: Wortstücke, Charité, Berlin 2000  © Foto: Schult/diálogo

Rede zur Eröffnung der Ausstellung
von Dr. Peter Funken

Bernhard Garbert zeigt bei dieser Ausstellung, die im Rahmen des Vier-Jahreszeiten-Projektes der Charité stattfindet, eine konzeptuelle Installation: "Wortstücke", der Titel dieser Arbeit, besteht aus zirka 80 Beispielen solcher – wie Garbert sagt: – Wortkreuze. Seine Arbeit setzt sich aus Einzelteilen zusammen, die sich konkret auf die architektonischen und semantischen Vorgaben dieses Raum beziehen. Die Elemente dieses Kunstwerks hat Bernhard Garbert im Raum nach den Vorgaben dieses Raumes installiert und sich weitgehend an den Holzverkleidungen und der Holzkassetierung orientiert, so daß eine regelmäßige und doch spannungsvolle Segmentierung des Raumes durch die Bestandteile seiner Arbeit entstanden ist. Garberts Wortstücke bestehen aus Pappbuchstaben, die der Künstler mit Leuchtfarbe bestrichen hat. Er hat dafür industriell gefertigte Buchstaben mit der Hand nachbearbeitet, so daß sie seinen Ansprüchen in Hinsicht auf die Installation genügten. Diese Buchstaben leuchten nun im Dunkeln hellgrün nach, sie setzen sich über die Dunkelheit hinweg und nehmen von daher den Charakter des Immateriellen an.

Bernhard Garbert arbeitet mittlerweile seit 15 Jahren an solchen Wort-Skulpturen für Räume. Angefangen hat es mit sogenannten Rot-Kreuz-Gedichten, die dann erstmals 1993 in einer Kirchsoe in Brüssel gezeigt wurden. Ein zentraler Gedanke dieser Arbeiten liegt darin, Wortzeichen mit ihrer speziellen Bedeutungsaura in einer spezifischen Umgebung in ein Verhältnis, einen Kontext, eine Beziehung – zum Beispiel einen Kontrast – zu setzen. Auf die ersten Rot-Kreuz-Gedichte, die vom Prinzip her so funktionieren, wie die hier ausgestellte Arbeit, kam der Künstler dadurch, daß er einen Kommentar über seine Arbeitsmethode als Bildhauer schreiben wollte. Dabei begann er ausführlich, schrieb einen längeren Text, überarbeitete diesen Text und wurde dabei zunehmend knapper; er reduzierte den Text auf wesentliche Hauptbegriffe, die danach weiter reduziert wurden, und so entstanden zuerst einmal Kürzel aus ganz wenigen Buchstaben. Komprimiert an diesem einen Beispiel vorgeführt, erkennen wir bereits den Prozeß der Reduktion, auf den man in Garberts plastischem Werk immer wieder stößt. Die Methode des Komprimierens und Konzentrierens findet man auch in anderen Arbeiten des Künstlers, wie auch den Einsatz von Sprache und Zeichen, denn Garbert ist ein Bildhauer, der einen Begriff des Plastischen verwendet, der weit über den üblichen Begriff des Plastischen – im Sinne des Materiellen – hinausgeht.

Zurück zu den Wortstücken: Es sind also Kürzel, in der Hauptsache Worte aus drei Buchstaben, übriggeblieben. Diese Kurzworte hat Bernhard Garbert miteinander verbunden – gekreuzt. Man sollte diesen Begriff der Kreuzung ruhig im doppelten Wortsinn auffassen, denn er hat diese Worte aus drei Buchstaben in Kreuzform angebracht, und es sind dabei Begriffs-, Bedeutungs- und Assoziationserweiterung durch Mischung entstanden. Was sich entwickelt hat, sind zahlreiche Hybride von Drei-Buchstaben-Worten, die im Prozeß des Lesens neue und konkrete Auslegungen erfahren. Seine Wortstücke sind im besten Sinne interaktive Konstruktionen, die erst durch die Teilnahme der Ausstellungsbesucher eine wirkliche Bedeutung gewinnen. Der Künstler konstruiert dabei die Vorgaben und bestimmt die Regeln. Er macht uns aber zu Koautoren seiner Arbeit, und eben nicht nur zu Interpreten!

Für Garbert handelt es sich bei den Wortstücken um eine besondere Art von Theater – deshalb auch dieser Ausstellungstitel: Wort-Stücke, denn bei diesem Werk handelt es sich um eine Aufführung – durch ihn und durch uns, und die kombinierten Worte sollen an sich nicht nur gelesen, sondern auch gesagt, gesprochen werden, am besten sogar laut gesprochen werden; und wenn wir das tun – es besteht ja hier die Möglichkeit dazu –, haben wir die Situation einer Performance oder Aktion oder Aufführung seiner Wortstücke und sind dann an dieser Performance automatisch beteiligt als Akteure. Mit dem performativen Charakter geht dann auch immer eine Theatralisierung des Ortes einher, wobei jeder Aufführungsort – und wir befinden uns derzeit im Robert-Koch-Saal an einem Aufführungsort – unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten aufweist, die beim Intonieren der Wortstücke eine Rolle spielen. Bernhard Garbert vergleicht diese Fähigkeit eines Raumes und seine Eigenschaften, die letztlich erst beim Sprechen erkennbar werden, mit dem, was bei einer theatralischen oder musikalischen Aufführung im Bereich des Auditiven geschieht: Im Raum entsteht eine Resonanz, Schwingung und somit Energie.

Sie sehen – und vernehmen –, daß es sich bei Garberts Arbeit um ein multidimensionales Kunstwerk handelt, das eben nicht nur Eigenschaften der plastischen Kunst besitzt, sondern Beziehungen zu Aufführungstechniken aus dem Bereich Musik und Wort unterhält und damit der Frage des Materials in sehr offener und komplexer Weise nachgeht.

Garbert ist Bildhauer, Plastiker, und sein Material findet er in der Welt, das bedeutet, er läßt sich in der Materialwahl überhaupt nicht nur auf traditionelle Materialien wie Stein, Holz oder anderes reduzieren, sondern arbeitet an sich mit jedwedem Stoff, und so sieht der Künstler zum Beispiel auch das Wort – ich meine das gesprochene Wort, das ja eigentlich keine Materialeigenschaften im üblichen Sinne besitzt – als plastisches Material an und setzt es ein! Und dieses, durch physikalische Schwingungen zu charakterisierende Material der gesprochenen Kurz-Worte, besitzt im Leuchten der Farbpigmente der Wort-Kreuze im Raum ein ephemer-plastisches Äquivalent, denn dieses Leuchten im Dunkeln vergeht nach einiger Zeit, muß wieder geladen werden und ist von daher im Sinne eines herkömmlichen plastischen Materialbegriffs etwas Unbeständiges und nur ein in der Vergänglichkeit der Zeit erfahrbares Phänomen. Es ist also dabei ganz ähnlich wie mit den Worten, die im Raum klingen und alsbald verklingen.

Nun wird dieses Wissen um das Wort als Material auf der anderen Seite – ich meine jetzt die Seite der Dichter – durchaus geteilt, etwa wenn Paul Celan in seinen Gedichten und Texten immer wieder von Wortaufschüttungen, Wortgittern oder Wortmonden gesprochen hat. Die bei Garbert entstehenden Kurz-Wort-Kreuzungen oder Minimal-Texte besitzen fast immer eine poetische Aussage; sie kann in vielen Sprachen entstehen, sogar in Sprachen, die Künstler oder wir nicht sprechen – wir haben hier im Raum einige Beispiele aus der türkischen Sprache: In diesen Beispielen durchdringen sich türkische Worte, etwa DUR und SUS, was soviel bedeutet wie die Imperative "Halt" und "Schweig". Selbst aber, wenn man diese Worte nicht versteht und das Kreuz-Wort-Rätsel in diesem Fall nicht orginär oder vollständig erfassen kann, bleibt bei der Arbeit doch auch ein visueller und klanglicher Aspekt, der sich jedem erschließt, denn die Form der sich wiederholenden Kreuze handelt von einem Plan oder einem sehr konkreten Konzept, das auch das Visuelle oder rein Phonetische einschließt. Bei den Wortstücke hat der Künstler also nicht ausschließlich auf einen direkt verstehbaren Sinn hin spekuliert; er hat, wie er sagt, sozusagen "fünfe gerade sein lassen"; etwa wenn sich BEN und SEN begegnen: dann gibt es zwar viele Assoziationen, aber nicht etwas völlig Richtiges und auch nichts völlig Falsches – ich denke zum Beispiel bei dieser Kreuzung fast automatisch und völlig assoziativ an "Besen", "Sense" oder Max Bense –, aber hier bleibt ein rätselhafter Rest, den der Künstler als subjektives Statement im Robert-Koch-Hörsaal, also an einem Ort exakter Wissenschaft, gerne sieht. Selbst wenn man die Begriffe der Wort-Kreuze nicht vom Sinn her versteht, so ist es doch überraschend, wieviel poetischer Sinn sich mit fünf Buchstaben vermitteln läßt!

Die Wortstücke sind nicht an ein einziges Material gebunden. Ich meine jetzt den Materialbegriff als rein stoffliches Phänomen, als materielle Tatsache. Es gibt die Wortstücke nach meiner Kenntnis zuerst als Maschinen-Typoskript – das war das erste Original –, später auf Kacheln, auf Teppichbodenfliesen, es gibt Wortstücke in schwarz und rot, auf Plastikfolie als Vorhang, auf dünnem Plastikmaterial über Figuren aus Stein gehängt – sozusagen als "Masern", sagt Garbert, als "Masern", die auf Stein sind wie die Pusteln auf der Haut. Und natürlich sind all diese Wortstücke auch in den Augen, Mündern und Köpfen – die Wortstücke sind also multivariabel und potentiell überall möglich, potentiell frei. Was uns in Bernhard Garberts Arbeit begegnet, ist eine besondere Form der Beziehung zwischen Sinn und Material, also eine Form, die in dieser Weise nirgendwo anders als in der Kunst existiert – in der bildenden Kunst, der Sprach- und der Klangkunst.

Von der Struktur her gibt es im künstlerischen Arbeiten Unterschiede zum naturwissenschaftlichen Arbeiten, wobei Kreativität und neues Denken natürlich in beiden Bereichen unerläßlich ist. Aber Garbert bekennt sich mit seiner Arbeit – so wie er sagt – dazu, daß er einer ist, der mit den Wortstücken zeigt, daß er nur bis 3 oder bis 6 zählen kann. Er meint damit wohl auch, daß er sich die Freiheit nimmt, mit dem ganz Einfachen anzufangen, was dennoch überhaupt nicht trivial ist und bleibt, sondern zu etwas sehr Komplexem und Weitreichendem führt.

Ich bin der Auffassung, daß mit solch einer Arbeit, wie wir sie hier sehen, ein Stück Freiheit und Subversivität öffentlich wird, das wie ein Beispiel wirken kann für viele andere Formen von Denken und Freiheit, zum Beispiel freiem Denken und subversivem Fragen – also alles Dinge, die unsere Gesellschaft dringend braucht, und eben nicht nur in Kunst und Wissenschaft beheimatet sein sollten. Insofern arbeitet Bernhard Garbert bewußt an Gegenwart und an Zukünften. Er ist ein Künstler, der radikal mit dem Tatbestand umgeht, daß wir eigentlich nicht allzu viel wissen und wissen können, wenn wir unser Wissen relational zu der Tatsache betrachten, daß das Wissen gegenüber dem Nichtwissen oder noch nicht Gewußten immer bescheiden bleibt.

Wir befinden uns in einem Hörsaal und sehen und hören eine installative Arbeit, bei der wir aufgefordert sind, uns einzulassen. Beim Wissen geht es auch immer sofort um seine Vermittlung und somit um eine Übersetzung und um ein Anfangen, ein Einsetzen, damit andere das begreifen und erkennen können, was bereits erkannt und gewußt ist. Bernhard Garbert ist ein Künstler, der uns anfangen läßt, und der uns mit seiner Arbeit ein Stück Freiheit anbietet, selber zu beginnen und einzusetzen und natürlich dann auch weiterzumachen.

 
Fotos (3):
Thomas Räse
Bernhard Garbert: Wortstücke, Charité, Berlin 2000  © Foto: Räse
Logo Kunst Charité "Wortstücke" von Bernhard Garbert setzte die Ausstellungsreihe "Vier Jahreszeiten" im Universitätsklinikum Charité Berlin fort.
© diálogo, Berlin, Autoren und Fotografen

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